Interkulturelle Stelle und Migrationsrat der Stadt Freising

03.03.2026

INTERVIEW
Interview mit Sina Hörl, Integrationsbeauftragte der Stadt Freising

Freising setzt seit vielen Jahren ein klares Zeichen für Vielfalt und Zusammenhalt. Die Interkulturelle Stelle der Stadt, der Migrationsrat und zahlreiche lokale Initiativen machen sichtbar, wie ein respektvolles, diskriminierungsfreies Miteinander im Alltag gestaltet werden kann. Wir haben mit Sina Hörl, Integrationsbeauftragte der Stadt Freising, darüber gesprochen, wie Sichtbarkeit von Vielfalt in der Kommune entsteht und was es dafür braucht.

Frau Hörl, Sie sind für die Interkulturelle Stelle der Stadt Freising verantwortlich, die sich für ein vielfältiges, diskriminierungsfreies und respektvolles Miteinander einsetzt. Welche thematischen Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Arbeit und was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Grundlage meiner Arbeit sind die Interkulturellen Leitlinien der Stadt Freising, die 2014 offiziell vom Stadtrat verabschiedet wurden. Der Anstoß dafür kam damals vom Migrationsrat. Die Etablierung der Leitlinien ist nach wie vor ein wichtiger Meilenstein, durch den die interkulturelle Arbeit als Querschnittsaufgabe in Stadtverwaltung und Stadtpolitik verankert wurde. Meine Schwerpunkte an der Interkulturellen Stelle liegen in öffentlichkeitswirksamen Aktionen zu Diversität und Antidiskriminierung, in Erst- und Verweisberatung zu Integration und Diskriminierung, in der diversitätsorientierten Öffnung der Verwaltung – etwa durch Schulungen und strukturelle Veränderungen – sowie in der kontinuierlichen Vernetzung mit lokalen Akteur*innen.

Freising steht für gelebte Vielfalt. Wie gelingt es Ihnen, diese Vielfalt auch in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen und welche Formate haben sich dabei als besonders wirksam erwiesen?

Vielfalt sichtbar zu machen gelingt durch verschiedene ineinandergreifende Aspekte. Mit dem Migrationsrat bin ich beispielsweise regelmäßig im Stadtgebiet präsent, etwa am Internationalen Tag gegen Rassismus. Dazu kommen Aktionen wie Podiumsdiskussionen, Workshops, Fachvorträge und auch die „Zehntelsekunde“ – unsere Wochen der Vielfalt. In enger Zusammenarbeit mit dem städtischen Presseamt findet begleitend zu den Aktionen auch viel Öffentlichkeitsarbeit statt.

Dass dies gut funktioniert, liegt auch daran, dass Freising nicht nur eine vielfältige Stadt ist, sondern auch eine Stadt mit zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen, die ihre Themen aktiv und mit großem ehrenamtlichem Engagement einbringen. Ich bin seit inzwischen sieben Jahren an der Stelle und konnte mir in dieser Zeit ein gutes Netzwerk in der Stadt aufbauen. Ich würde sagen, dass die Impulse der Interkulturellen Stelle – auch dank des starken Netzwerks und der vielen engagierten Menschen in Freising – meist sehr positiv aufgenommen und weitergetragen werden.

Mit Projekten wie „Zehntelsekunde“ oder „Freising frühstückt“ setzt Freising deutliche Zeichen gegen Rassismus und für Zusammenhalt in der Öffentlichkeit. Wie sind diese Formate entstanden und was bewirken sie aus Ihrer Sicht?

„Freising frühstückt“ ist eine Initiative des Müttercafés Freising, das bereits seit über 20 Jahren ein wichtiger Treffpunkt für viele Eltern in Freising ist. Das Frühstück findet mehrmals im Jahr an unterschiedlichen öffentlichen Orten im Stadtgebiet statt und lädt alle ein, in ungezwungener Atmosphäre miteinander ins Gespräch zu kommen. Mitbringen sollte man das eigene Lieblingsfrühstück zum Teilen – für Kaffee, Tee und Sitzmöglichkeiten ist gesorgt. Besonders bereichernd ist, dass die Initiative seit ein paar Jahren auch von der Lebenshilfe Freising unterstützt wird. Diese Kooperation ist während der Zehntelsekunde entstanden und macht das Frühstück für mich auch nochmal zu etwas ganz Besonderem.

Die „Zehntelsekunde“ – unsere Wochen der Vielfalt – machen seit 2022 sichtbar, wie vielfältig Freising ist. Die Wochen entstanden aus der Idee, Vielfalt gemeinsam mit vielen lokalen Akteur*innen sichtbar zu machen. Es soll klar werden, dass Vielfalt keine abstrakte Idee ist – sie zeigt sich im Alltag: in den Geschichten, Lebensentwürfen und Perspektiven der Menschen, die in Freising leben. Denn kein Mensch lässt sich mit nur einem Wort beschreiben. Der Name steht dafür, die Zehntelsekunde zu hinterfragen, in der wir uns meist bereits ein Bild von einer Person machen – und sich stattdessen auf eine echte Begegnung einzulassen und Menschen bewusst in ihrer ganzen Vielfalt wahrzunehmen. Inzwischen beteiligen sich über 50 Initiativen mit eigenen Formaten: von Workshops, Gesprächsrunden und Fachvorträgen bis hin zu Festen, Konzerten und Filmvorführungen. Auch die Veranstaltungsorte variieren, um unterschiedliche Menschen in der Stadt zu erreichen. Ziel der Wochen ist es, Begegnung zu ermöglichen und das Freisinger Netzwerk nachhaltig zu stärken.

Die Interkulturelle Stelle arbeitet bei den genannten und weiteren Angeboten eng mit dem Migrationsrat und anderen lokalen Akteur*innen zusammen. Welche Rolle spielen diese Kooperationen und worauf achten Sie dabei besonders?

Der Migrationsrat ist ein zentraler Partner für mich. Die Gruppe wurde bereits 2007 gegründet und besteht aus unterschiedlichen Haupt- und Ehrenamtlichen. Die Sitzungen sind offen zugänglich, es können also alle interessierten Personen daran teilnehmen und auch mitwirken. Diese Offenheit finde ich besonders wichtig und ermöglicht meines Erachtens auch niedrigschwellige Teilhabe an Entscheidungen in der Stadt. Der Migrationsrat kann nämlich beispielsweise auch Anträge an die Verwaltung stellen. Ich begleite den Rat organisatorisch, etwa bei Sitzungen und bei der zweijährlichen Verleihung des Interkulturellen Preises.

Generell lebt meine Arbeit vom engen Austausch mit der Stadtgesellschaft: Vor allem durch kontinuierliches Vernetzen bekomme ich mit, welche Themen aktuell relevant sind und wo ich als Integrationsbeauftragte unterstützen oder Impulse setzen kann. Mir ist es wichtig, dass mein Netzwerk möglichst breit ist und ich in viele unterschiedliche Richtungen vernetzt bin.

Welche Resonanz bekommen Sie aus der Stadtgesellschaft? Was ist aus Ihrer Erfahrung hilfreich, um möglichst viele Menschen zu erreichen?

Die Rückmeldungen aus der Stadtgesellschaft sind überwiegend positiv. Natürlich erreichen mich auch gelegentlich kritische oder ablehnende Nachrichten. Aufgrund der derzeit polarisierten gesellschaftlichen Stimmung und dem Erstarken rechter Tendenzen überrascht mich das aber wenig. Solche Rückmeldungen nehme ich zwar ernst, lasse mich davon aber nicht beirren. Ich bin immer offen für Gespräche und alle interessierten Personen können jederzeit in mein Büro kommen. Der persönliche Austausch ist mir wichtig, denn er schafft Vertrauen und hilft dabei, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen.

Besonders wirksam ist das Zusammenspiel aus direkten persönlichen Kontakten, sichtbaren Aktionen im öffentlichen Raum und Angeboten, bei denen Menschen unkompliziert mitmachen oder sich informieren können. Niedrigschwellige Formate, starke Netzwerke und Präsenz an unterschiedlichen Orten sind entscheidend, um möglichst viele Menschen zu erreichen und ein klares Zeichen gegen Ausgrenzung zu setzen.

Wenn Sie in die Zukunft schauen: Welche Themen oder Ansätze möchten Sie in Freising künftig weiterentwickeln, um Vielfalt noch sichtbarer zu machen?

Künftig möchte ich die Zehntelsekunde noch weiterentwickeln, neue Zielgruppen einbeziehen und die diversitätsorientierte Öffnung der Verwaltung weiter vorantreiben. Ich möchte daran arbeiten, dass insbesondere Menschen die neu nach Freising zuwandern, die vielen wichtigen Angebote in der Stadt kennen und Barrieren weiter abgebaut werden. Wichtig ist mir außerdem, sichtbare Aktionen dauerhaft in der Stadt zu verankern und noch mehr Begegnungsräume zu schaffen, in denen Vielfalt selbstverständlich gelebt wird. Vieles läuft bereits gut – es gibt aber immer etwas zu tun und zu verbessern.

Mehr Infos zur Interkulturelle Stelle und zum Migrationsrat

Sina Hörl ist Integrationsbeauftragte der Stadt Freising und leitet in ihrer weiteren Tätigkeit an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf das Diversity Office. Ihr Studium der Soziologie und Politikwissenschaft führte sie nach München, Lund (Schweden) und Augsburg, wo sie sich intensiv mit den Themen Migration und Vielfalt auseinandersetzte. An der Universität Augsburg war sie nach Ihrem Studium als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und sammelte dort erste Lehrerfahrungen. Heute verbindet sie wissenschaftliche Expertise mit praktischer Arbeit vor Ort. In ihren Funktionen setzt sie sich dafür ein, dass Vielfalt als Chance gesehen wird und Menschen – unabhängig von Herkunft und anderen individuellen Voraussetzungen – Möglichkeiten der Teilhabe finden.

Zur Projektseite

Bildquelle: unsplash