Eröffnung einer Unterkunft für Menschen aus der Ukraine – Erfahrungswerte der Gemeinde Kirchheim

02.03.2026

INTERVIEW
mit A. Wosch, Integrationsbeauftragte der Gemeinde Kirchheim b. München

Frau Wosch, Sie sind Integrationsbeauftragte in der Gemeinde Kirchheim bei München. Wofür sind Sie bei der Einrichtung und Eröffnung einer Unterkunft für Geflüchtete vor Ort zuständig?

Meine Arbeit sehe ich allgemein als Brückenbauerin für Menschen mit Migrationshistorie sowie in der Sichtbarmachung der Vielfalt und der damit verbundenen positiven Dinge in unserer Bevölkerung vor Ort. Bei der Einrichtung und Eröffnung einer neuen Unterkunft liegt meine Aufgabe darin, mich als Integrationsbeauftragte in unserer Kommune vor allem um Themen kümmern, die mit dem Miteinander in der Nachbarschaft sowie der Vermittlung von Wissen und gegenseitigem Verständnis zu tun haben. Daher gelte ich als Ansprechpartnerin für die Nachbarschaft bzw. die Bürger*innen bei konkreten Fragen und auch Problemen bezüglich der Unterkunft. Außerdem organisiere ich zusammen mit anderen Akteur*innen Projekte innerhalb und außerhalb der Unterkunft. In Bezug auf die Containerunterkunft gehört dazu ein jährliches Nachbarschaftsfest in Zusammenarbeit mit dem Helferkreis. Außerdem bemühe ich mich um eine differenzierte Öffentlichkeitsarbeit und Transparenz rund um die Unterkunft.

Im Dezember 2024 wurde bei Ihnen eine neue Unterkunft eröffnet. Ist das die erste Unterkunft in Kirchheim? Wie können wir uns diese vorstellen?

Bereits seit 2015 gibt es Unterkünfte in der Gemeinde. In diesem aktuellen Fall handelt es sich um die erste Unterkunft in Containerbauweise und speziell auch nur für Menschen aus der Ukraine. Die beiden Containerriegel befinden sich in einem Wohngebiet, angrenzend zu einem landwirtschaftlich genutzten Feld. Insgesamt sind es 36 Wohneinheiten für ca. 200 Bewohner*innen.

Mit der Eröffnung von Unterkünften gehen vor allem im Vorfeld viele unterschiedliche Interessen und auch Ängste einher. Was sind Ihre Erfahrungen dazu?

Das Landratsamt hat zusammen mit der Gemeinde drei Monate vor Erstbezug zu einem Tag der offenen Tür geladen. Hier gab es einige Menschen, die große Bedenken geäußert haben, welche durch die Presse auch aufgegriffen wurden. Seit der Belegung lässt sich aber berichten, dass seitens der Bürger*innen der Gemeinde keine nennenswerten Meldungen bei mir angekommen sind. Wenn unterschiedlichste Menschen auf engstem Raum zusammenleben, gibt es natürlich immer mal wieder Probleme. Diese betreffen aber die Bewohner*innen untereinander innerhalb der Unterkunft.

Wie greifen Sie diese Konflikte auf? Welche Möglichkeiten haben Sie hier?

Themen wie Alkoholmissbrauch und gesellschaftliche Unstimmigkeiten untereinander sind schwierig aufzugreifen. Allein sprachliche Hürden können den Zugang erschweren. Gemeinsam mit der Kollegin aus der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Diakonie, welche direkt vor Ort ihre Beratung anbietet, sind wir daher gerade im Gespräch, ein gemeinsames Konzept zu einer regelmäßigen Veranstaltung zu entwickeln. Herausforderungen und kritische Themen, die das Ankommen in der Gemeinde und das Leben in der Unterkunft betreffen, sollen so aufgegriffen werden. Allerdings kann dies nur als freiwilliges Angebot gelten. Wir werden damit also wahrscheinlich nicht alle erreichen, können aber Interessierten trotzdem Unterstützung anbieten.

Welche Schritte, Akteur*innen oder Aktionen sind Ihrer Erfahrung nach bei der Unterstützung der Geflüchteten in den Unterkünften sowie entsprechenden Angeboten besonders hilfreich?

Vor allem ist die Flüchtlings- und Integrationsberatung der Diakonie vor Ort ein wichtiger Bestandteil einer solchen Unterkunft. Eine der beiden Kolleg*innen ist täglich vor Ort, hat immer ein offenes Ohr und ist aktuell durch ihre russischen Sprachkenntnisse eine optimale Beratung. Regelmäßige Aktionen und Angebote sind wichtig. Es gibt in unserer Gemeinde einen gut funktionierenden Helferkreis. Dieser bietet in den Unterkünften verschiedene Angebote wie u.a. eine regelmäßige Kinderbetreuung, Nachhilfe und ein Sprachcafé an. Ehrenamtliche decken so Vieles ab, was wir Hauptamtlichen gar nicht leisten können.

Feststellen lässt sich aber auch, dass bereits die „kleinen“ alltäglichen Dinge, wie zum Beispiel Stühle im Innenhof oder ein Sonnenschutz über dem Sandkasten, wichtig sind und zur Zufriedenheit beitragen können. Weitere Akteur*innen sind unsere Gemeindejugendarbeit und das Jugendzentrum (JUZ). Das JUZ bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, an Veranstaltungen teilzunehmen, andere Jugendliche zu treffen und mal raus aus dem Unterkunftsalltag zu kommen.

Die Unterkunft ist in der Zwischenzeit voll bezogen. Wie läuft es? Was sind aktuelle Themen?

Hier gibt es keine einheitliche Antwort. Einige Bewohner*innen nutzen ihre Zeit, gehen in die Integrationskurse oder einer Arbeit nach und versuchen ein „normales“ Leben zu leben und das Beste aus ihrer Situation zu machen. Andere Bewohner*innen hingegen tun sich sehr schwer damit in Deutschland anzukommen. Dazu kommen die vielen Anträge bei den Behörden, der enge und hellhörige Wohnraum und die kulturellen Unterschiede. Die Ukraine ist ein großes kulturell wie gesellschaftlich diverses Land. Das führt auch in einer Unterkunft, in der die unterschiedlichten Menschen auf engem Raum zusammenleben, zu Spannungen.

Sie stehen in engem Austausch mit der Flüchtlings- und Integrationsberatung sowie mit einzelnen geflüchteten Menschen selbst. Gibt es hier Erfahrungswerte zum Einzug und Ankommen in der Unterkunft?

Die Menschen sind generell nicht glücklich darüber in Containern zu wohnen. Es ist verboten, eigene Möbel aus brennbarem Material in die Wohneinheiten zu stellen, es gibt keinen Baum auf dem Gelände, alles ist eher kahl und trostlos. Wichtig ist, dass allen bewusst ist, dass ihre Zeit in der Containerunterkunft eine Übergangszeit ist. Die Bewohner*innen werden nicht für immer dort leben. Wir kennen das Phänomen bereits aus den Asylunterkünften, welche vor 10 Jahren vermehrt in Containerbauweise gebaut wurden.

Beim Nachbarschaftsfest im vergangenen Sommer spürte man aber auch eine positive Stimmung. Alle haben gekocht und gebacken, viele der Bewohner*innen haben dekoriert und geschmückt. Das Zusammentreffen tat meines Erachtens allen gut. Ein zentraler Bestandteil war, dass der Bürgermeister und seine Frau anwesend waren und sich mit den Menschen unterhalten haben. Solche Veranstaltungen sind wahnsinnig wichtig, auch wenn sie nur kurz sind. 

Mit Blick auf den vergangenen Prozess zur Eröffnung der Unterkunft. Was nehmen Sie als Lernerfahrung für sich sowie für die Gemeinde mit?

Wichtig ist die Offenheit der Gesellschaft gegenüber einer solchen Unterkunft. Und wie bereits erwähnt, eine Unterkunft sollte nicht als langfristige Sache und vor allem nicht als Bedrohung gesehen werden. Unterkünfte sind eine pragmatische Lösung geflüchteten Menschen eine Bleibe zu ermöglichen. Es braucht mehr Dialog zwischen und mit den Bewohner*innen, intern wie extern. Leider muss ich häufig feststellen, dass viel übereinander, jedoch nur wenig miteinander geredet wird. Was ich sehr schade finde.

Mehr Infos zu Vielfalt in der Gemeinde Kirchheim bei München

A. Wosch ist seit Januar 2022 Integrationsbeauftragte der Gemeinde Kirchheim bei München. Die Gemeinde hat die Stelle der Integrationsbeauftragten bereits seit 2015 fest installiert. Frau Wosch hat ein Magister der Ethnologie (Rechtswissenschaften und Afrikanistik) und arbeitet seit 2015 im Bereich Flucht und Migration.

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Bildquelle: unsplash